Meine Beziehung zum Kaffee war immer sehr kompliziert. Früher möchte ich keinen Kaffee, später, als ich für mich Latte Macchiato entdeckte, habe ich Kaffeeunverträglichkeit bekommen. Bei mir zu Hause gibt aber jemand, der den Kaffee nach der armenischen Art sehr mag. Und jedes Mal, wenn ich für ihn Kaffee koche, erinnere mich an meine Kindheit.
In Armenien trinkt man einen sehr starken Kaffee, den man in Deutschland als „Türkischer Kaffee“ kennt. Kaffeetrinken in Armenien kann für die Kulturwissenschaft als ein ganzes Forschungsfeld dienen.
Die Hausfrauen trinken Kaffee nie alleine: nach Rotationssystem kocht jeden Tag eine andere Nachbarin Kaffee und lädt die Nachbarsfrauen, mit denen sie besonders gute Verhältnisse hat, zu sich nach Hause ein.Tante Artsvik, Tante Ashkhen und die Nachbarin Alla kommen ohne Klopfen rein – die Tür ist ja extra dafür offen. Wenn jemand zufällig an dem Tag was süßes gebacken hat, bringt unbedingt mit. Die Runde fängt gegen 12 Uhr morgen an, als die Männer und die Kinder schon weg sind und die Frauen schon die Haushaltsaufgaben erledigt haben, und dauert etwa eine Stunde. Die Nachbarinnen bzw. Freundinnen tauschen sich über die letzten Neuigkeiten in der Nachbarschaft, beschweren sich über eigene Männer und erzählten mit Stolz über die Erfolge eigener Kinder. Es kommen sehr oft auch solche Themen vor, was man morgen kochen kann, wieso die Braut vom dritten Stock ständig mit ihrer Schwiegermutter streitet… Bei besonders nahen Nachbarn kann der Kaffeeklatsch sogar gegen Abend eine zweite Runde haben. Diese alltägliche Zeremonie macht wirklich viele Frauen glücklich!
Ich konnte den bittern und starken Schmack von Kaffee nicht leiden und saß fast immer in solcher Frauenrunden als „Außenseiter“. Aber es gab eine Ausnahme, wo ich mich gezwungen habe den Kaffee bis zu Ende zu schlucken und meine Tasse gleich auf die Unterteller umzudrehen. Du fragst dich warum oder? In jeder Nachbarschaft oder Familie gab es eine Tante, die mit Kaffeesatz „die Zukunft lesen“ konnte 🙂 Manche machen es zur Unterhaltung, manche nehmen es sehr ernst. Den Sommer habe ich immer im Dorf Vahravar bei meinen Großeltern verbracht. Da hatte ich viele Freundinnen. Im Alter von 12-15 Jahren waren wir nach Kaffeesatzlesen verrückt. Wir kamen einmal im Monat zur Oma Paytsarik, die die berühmte Leserin des Dorfes war, und baten sie unsere Zukunft zu lesen. Sie hat nie leicht „zugegeben“ und ließ sich immer überzeugen, aber heutzutage glaube ich, dass sie in tiefen Herzen sehr froh war von den jungen Mädchen des Dorfes so befragt zu sein.
Ninel, Nune und Syuzi konnten Kaffee immer leicht trinken, das war für sie ein voller Genuss. Für mich war es einen großen Kampf. Nach der Umdrehung der Tasse sollte man den Kaffeesatz richtig trocken lassen, sonst wird die Nasse „Trennen mit sich bringen“.
![]()
Dann kamen die Prophezeiungen von Paytsar Tati (Oma auf Armenisch). „Dich mag ein junger Mann, dessen Namen mit Buchstabe „R“ anfängt, in drei Punkten (das heißt in drei Tagen oder Wochen) werdet ihr euch treffen“. Sollte der Buchstabe zufällig mit einem bekannten Namen stimmen, fingen wir an zu grinsen und zu lachen. „Eine Freundin von dir ist neidisch auf dich und wird dich bald verraten“. Oh, wer wird das sein? Hm, ich glaube ich weiß wer das sein wird… „Ich sehe einen Pferd in deiner Tasse, Pferd heiß Träume, du hast große Träume mein Kind, die auf den richtigen Weg sind“. Ihre Aussagen drehten sich fast immer um Liebe und um Heirat. Sie wusste, wie man die jungen Mädchen neugierig macht. Nach Paytsar Tati sollten wir alle mal glücklich heiraten und zwei Kinder haben.
Unsere Nachbarin Tante Mareta, die auch eine berühmte Zukunftsleserin ist, behauptete immer, dass sie meine Zukunft im Ausland sieht 🙂 Sie wusste, dass ich eine von besten in der Schule bin und ahnte schon, dass ich mich nach Auslandstudium strebe…
Ich weiß es nicht mehr, ob wir daran glaubten, aber wir möchten das. Nigel, Nune, Syuzi und Paytsar sind schon lange verheiratet und sind mitterweile Mutter von zwei Kinder. Oma Paytsar hatte also fast Recht… 🙂